Am Ende behielten die Umfragen Recht. Wenig überraschend haben sich Emmanuel Macron und Marine Le Pen für die Stichwahl qualifiziert – das Ergebnis war so knapp wie erwartet. Es wird weder einen Trump- noch einen Brexit-Effekt geben. Und weil Emmanuel Macron die Stichwahl wahrscheinlich gewinnen wird, ist auch kein Zusammenbruch des Euroraums zu befürchten. Einige Wochen nach den Wahlen in den Niederlanden und vor den Neuwahlen in Großbritannien ist das französische Ergebnis die Antwort auf die Populismusängste.
Die Märkte reagierten auf die Nachricht mit einer starken Verengung des Spreads zwischen französischen und deutschen Staatsanleihen (um 14 Basispunkte) und einer Aufwertung des Euro um über 1%. Der zu erwartende Wahlsieg Macrons wird als ein Sieg Europas wahrgenommen. Acht der elf Kandidaten wollten die Europa-Verträge neu verhandeln, aber mit Emmanuel Macron zieht der stärkste Europa-Befürworter in die Stichwahl ein. Er dürfte sich auch als kluger Verhandlungspartner in Sachen Brexit erweisen. Das Wahlergebnis ist auch ein Sieg des Liberalismus. Mit seinen Reformen von Renten, Arbeitsmarkt und öffentlichem Dienst dürfte er für mehr Flexibilität sorgen und zugleich den defizitären französischen Haushalt schonen. Deshalb wird sich der Spread vermutlich weiter verengen und auf sein Niveau vor den Wahlen zurückgehen. Asiatische Investoren, die seit Anfang des Jahres wegen der politischen Risiken französische Anleihen gemieden haben, dürften an den Markt zurückkehren.
In diesem Umfeld hat Mario Draghi freie Hand, seine Rhetorik schon ab Juni allmählich zu verändern und Wege für eine Verringerung der monatlichen Anleihekäufe aufzuzeigen. Für diese Woche wird noch keine Änderung erwartet, aber die zuletzt unterschiedlichen Meinungen innerhalb der EZB schreien förmlich nach der Ankündigung eines Taperings. Letzte Woche erwarteten 60% der Analysten eine solche Ankündigung im September, aber nur 50% prognostizierten einen Anstieg des Einlagensatzes im dritten Quartal 2018. Der Sieg von Macron spricht für eine restriktivere Geldpolitik als bisher erwartet. Aus unserer Sicht dürfte der Euro dann aufwerten, und die deutschen Renditen dürften allmählich steigen – ob Mario Draghi will oder nicht.